Ein Donut statt 3 Säulen

Nachhaltigkeit wird oft über drei Säulen definiert:

  • Ökologie (Umwelt)
  • Soziales (Gesellschaft)
  • Ökonomie (Wirtschaft)

Diese werden oft als Säulen nebeneinander dargestellt, mit „Nachhaltigkeit“ als Dach darüber. Damit soll gezeigt werden: Eine nachhaltige Entwicklung funktioniert nur, wenn alle drei Säulen gleichermaßen berücksichtigt werden. Dann steht das Dach gerade.

Das mag für Unternehmen zu einem gewissen Grad zutreffen, weil diese bei der Reduktion negativer ökologischer und sozialer Wirkungen auch die ökonomische Komponente berücksichtigen müssen. Oder anders gesagt: Sie müssen auch Gewinne machen, um wirtschaftlich zu überleben.

Auf volkswirtschaftlicher Ebene ergibt diese Betrachtung allerdings weniger Sinn, da die Wirtschaft dort ein Teilsystem der Gesellschaft ist – und die Gesellschaft wiederum ein Teil der Natur. Daraus ergibt sich eine Hierarchie: Saubere Luft, sauberes Trinkwasser, gesunde Böden, intakte Ökosysteme und ein stabiles Klima sind Voraussetzungen für die menschliche Gesundheit – und alles zusammen ist die Basis für langfristig erfolgreiches Wirtschaften.

Auf die Säulen bezogen könnte man sagen: Die ökonomische Säule darf nicht höher sein als die soziale, und die soziale nicht höher als die ökologische. Allerdings stimmt das mit der Idee der geraden Daches nicht zusammen.

Auf volkswirtschaftlicher Ebene ist daher das „Vorrangmodell der Nachhaltigkeit“ anzuwenden: Es zeigt im Sinne der Mengenlehre, dass die Wirtschaft nicht die Grenzen der Gesellschaft überschreiten kann – und die Gesellschaft nicht die Grenzen der Natur.

Besonders gut hat es die britische Ökonomin Kate Raworth auf den Punkt gebracht: Sie geht davon aus, dass die Wirtschaft so weit wachsen soll, dass sie ihren eigentlichen Zweck – die Befrieidigung der menschlichen Bedürfnisse – erfüllt. Gleichzeitig soll sie jedoch nicht so groß werden, dass sie die ökologischen Grenzen überschreitet. Aus diesen Überlegungen ergibt sich eine Art Ring, der jene Zone darstellt, in der nachhaltiges Wirtschaften möglich ist. Da dieser an einen Donut erinnert, nannte sie ihr Modell „Doughnut Economy“.

Gerade für die Politik bietet dieses Modell eine hervorragende Orientierungshilfe: So soll die Wirtschaft (im Zusammenspiel mit allen anderen gesellschaftlichen Subsystemen) einerseits die Bedürfnisse der Menschen noch besser befriedigen, anderseits aber auch die vielfachen Überschreitungen der ökoloigschen Grenzen reduzieren. Daraus ergibt sich als Stoßrichtung ein Wachstum nach innen – ein Wachstum, bei dem es um optimale Bedürfnisbefriedigung und nicht um eine immer größere Ausbeutung natürlicher Ressourcen geht.

Dieses Doughnut-Modell kann auch von Unternehmen angewandt werden: Eine stärkere Orientierung an den Bedürfnissen der (potenziellen) Kund:innen ermöglicht ein anderes Wachstum als eine aggressive Expansion, die durch geschicktes Marketing zwar neue Nachfrage schafft, am Ende jedoch keine tatsächliche Verbesserung für die Kund:innen bedeutet.

Vor allem aber lenkt das Doughnut-Modell den Blick auf das Wesentliche – nämlich auf den Zweck und die Grenzen unseres Wirtschaftssystems. Im Gegensatz zu den 3 Säulen, die fälschlicherweise eine Gleichwertigkeit von Ökologie, Gesellschaft und Ökonomie suggerieren, zeigt der Donut, dass Wirtschaften nur dann langfristig erfolgreich sein kann, wenn eine intakte Natur und gesunde Menschen als Grundlagen anerkennt. Politik und Unternehmen sollten sich daran orientieren.